Sound’n’Spirit unterwegs: Ein Wochenende in Weimar
11.-13. September 2015 | "Man sollte (.…) alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen." Sagte Goethe. Der muss es wissen. Und so haben wir auf unserem Chorausflug nach Weimar schon im Bus nicht nur ein kleines Lied gehört, sondern selbst derer viele gesungen, und auch eine Ballade von Schiller über das Ideal von Treue und Freundschaft – „Die Bürgschaft“ – kam zu Gehör. Mit dem Triptychon von Cranach in der Herderkirche haben wir schließlich auch ein treffliches Gemälde betrachten dürfen. Allein die Erfüllung des letzten Postulats des Dichters und Denkers mag der Eingeweihte zumindest zuweilen bezweifeln;-) Doch chronologisch …
Am Freitag um zehn ging es los mit einem schnuckeligen Bus für unsere 20 Reisenden – einige Chormitglieder konnten nicht mitfahren, schmerzlich für beide Seiten. Trotzdem sahen wir uns in der Lage, den ersten Wochenend-Ausflug des Gospelchores Sound’n’Spirit standesgemäß mit gut gekühltem Sekt und frischen Brezeln zu feiern. Unbeirrt von den Vorgängen hinter ihrem Rücken brachte uns derweil Janine, unsere Busfahrerin, ans Ziel unserer Wünsche: nach Weimar – einen jener Orte, wo sich die Wege so vieler Großen der Geschichte, der Literatur, der Musik, der Malerei, der Architektur kreuzten, wo nicht nur Geschichten, sondern Geschichte – gute und nicht so gute – geschrieben wurde. Nicht unerwähnt bleiben soll ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der Stadt: Weimar ist auch die Geburtsstadt unserer Musikalischen Leiterin Ulrike, die uns aus diesem Grund alles Ges(ch)ehene kenntnis- und anekdotenreich erläutern konnte.
Nach dem Einchecken im Hotel ging es zum Beinevertreten in den Park von Schloss Belvedere. Dort konnten wir bewundern, was Herzog Carl August und Goethe im Rahmen ihrer pflanzenkundlichen Studien geschaffen hatten: den Botanischen Garten mit fast 8.000 in- und ausländischen Pflanzenarten, die sich in strahlender Nachmittagssonne von ihrer schönsten Seite und, obwohl schon Mitte September, intensiv bunt blühend zeigten. Im Russischen Garten schickte uns Ulrike ins Heckenlabyrinth; für Ulrike kein Kunststück, den Ausgang zu finden, da sie hier bereits als Kind gespielt hatte. Für alle anderen hatte Goethe auch hier das passende Zitat parat: "Es irrt der Mensch, solang er strebt." Aber schließlich kämpften wir uns doch bis zum Treffpunkt an der kleinen Bühne vor.
"Zu neuen Taten lockt ein neuer Tag." (Nochmal Goethe) Nach einem langen Abend in der Hotelbar hatte uns Hubertus, Organisator maximus unserer Ausflüge mit Keuck-Reisen;-), für Samstagmorgen zu einem erbarmungslos frühen Frühstück einbestellt: Schon um halb zehn hatten wir einen Termin bei Goethe. Erst ein Film, dann das Museum und endlich das Haus Am Frauenplan, wo Goethe 50 Jahre lang wohnte und wirkte.
Dort zu stehen, wo Werke der Weltliteratur entstanden, wo die Ideen ersonnen, die Gedanken gedacht und die Worte niedergeschrieben wurden, die uns bis heute begeistern, wo Goethe und Schiller gemeinsam in den Xenien spotteten und über Gott und die Welt philosophierten, ja, dort zu stehen war zumindest für die Literaturliebhaber unter uns ein erhebender Moment. "Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick." Nein, Herr Geheimrat, dieser Besuch war nicht Pflicht, sondern Lust. Ebenso wie der Besuch des wunderschönen Gartens. Und die im Anschluss auf dem Marktplatz vertilgte „handgewirkte“ Thüringer Rostbratwurst.
Zitat von der website www.weimar.de, abgerufen am 20.9.2015, 17.47 Uhr Neunkirchen Ortszeit: „Die Thüringer Rostbratwurst ist eine lokale Spezialität. Laut EU-Verordnung ist sie eine mindestens 15-20 cm lange, mittelfeine Rostbratwurst im engen Naturdarm, roh oder gebrüht, mit herzhaft würziger Geschmacksnote. Für den Thüringer ist seine Rostbratwurst – genau wie das Rostbrätl – nicht nur ein Lebensmittel, sie verkörpert auch ein Lebensgefühl, das sich vor allem durch die Art der Zubereitung und des Verzehrs ausdrückt.“ Genau. So isses.
Die Bratwurst und einen Kaffee später war es an der Zeit, Schiller unsere Aufwartung zu machen. Über Schillers Schreibtisch, vorgetragen von Bärbel und Beate, hatten wir vor Jahren herzlich gelacht (Achtung: das ist ein Insider;-) ), jetzt standen wir nach einem gemächlichen Rundgang durch das Haus, in dem Schiller die letzten fünf Jahre seines Lebens verbracht hatte, ehrfürchtig vor dem Original: Genau hier schrieb Schiller Die Jungfrau von Orléons, Die Braut von Messina, den Wilhelm Tell, beendete Maria Stuart. Hach! Die Führung durch das Haus beschlossen wir mit einem Besuch in der Schreibwerkstatt, wo einige von uns zu Feder und Tinte griffen und sich in Kurrentschrift versuchten.
Leider konnte nicht alles Niedergeschriebene nachher auch sinnerhaltend wieder entschlüsselt werden. Nach Schiller führte uns unsere Kulturtour weiter durch die Stadt zur Herderkirche zu dem schon erwähnten Triptychon von Lucas Cranach dem Jüngeren, danach staunten wir im neuen Teil der Herzogin Anna Amalia-Bibliothek vier Stockwerke hoch. Schade: ein Besuch des alten Teils der Bibliothek hatte nicht mehr ins Programm gepasst. Dafür holte uns danach Janine mit unserem, eigentlich ja ihrem Bus ab und fuhr uns zum Schloss Tiefurt, Sommersitz von Herzogin Anna-Amalia und Zentrum des Weimarer Dichterkreises. Was ließe sich noch alles erzählen! Hier sei es beschränkt darauf, dass wir erneut eintauchten in vergangene Zeiten. Der wunderschöne Park, der bereits dem Liebhabertheater um Anna Amalia als Kulisse gedient hatte, war dies auch für uns, und so posierten wir für ein paar neue Fotos – schließlich hatten wir zu diesem Zweck schon den ganzen Tag unter größter Kraftanstrengung unser „Sonntagsoutfit“ vor Senf- und Kaffeeflecken bewahrt.
Ein Glücksfall wollte es, dass die nur wenige Meter weiter gelegene kleine Dorfkirche St. Christophorus geöffnet war. Wir taten es Liszt, Bach und Goethe nach und verweilten – und sinnierten über Goethes Appell: *"Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermuthigen zu lassen."*Und so kam es, dass wir aus vollem Herzen ein höchst privates kleines Konzert sangen - ein Höhepunkt des Ausflugs.
(frei nach Schiller)
(frei nach Schiller)
Im Anschluss stand noch eine kleine Stadtrundfahrt u.a. mit Besichtigung des Geburtshauses unserer Ulrike an, die sie mit Highlights ihrer Vita spickte, die wir absolut spontan wie auf Kommando mit kollektiven bewundernden Ahhhs und bedauernden Ohhs kommentierten, dann gab es noch ein bisschen Bauhaus in Gestalt des Vandervelde-Hauses, bis es Zeit war für die Rückkehr zum Hotel. Ulrike dirigierte – dieses Mal nicht uns, sondern die Busfahrerein, und zwar durch Sträßchen, die sie in ihrer Kindheit auf dem Fahrrad gefahren sein musste. Doch während wir im Bus den Atem anhielten und schon glaubten, zu Fuß zum Hotel laufen zu müssen, blieb Janine am Steuer völlig gelassen, während sie sich mit dem Bus Zentimeter um Zentimeter an parkenden Autos zur Linken und dreist am Straßenrand stehenden Bäumen zur Rechten vortastete. Nach so viel Kultur und dem glücklichen Ende einer Busfahrt fanden wir uns entspannt zum Buffett mit Thüringer Spezialitäten wieder ein. Zufrieden jauchzet groß und klein: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" (auch Goethe) Und in völlig losgelöster Atmosphäre ging der Abend zu Ende.
Am Sonntag hieß es Abfahrt Richtung Heimat. Doch eingedenk der Erkenntnis eines berühmten Mannes „Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück.“ (nein, nicht Goethe – Schiller!) hieß unser Ziel nicht Neunkirchen, sondern Eisenach, genauer: Wartburg. Noch mehr Geschichte, dort, wo Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzte.
Aber dann war es schließlich doch Zeit, die Heimfahrt anzutreten. Das allerdings taten wir mit viel Gesang – Heinzens Gitarre und Klausens Mini-Trömmelchen sei Dank und auch Ulrike für ihre allerdings nicht immer erfolgreichen Versuche, den Takt des vorderen Teils des Busses mit dem des hinteren irgendwie in Einklang zu bringen –
und (mindestens) acht Köstlichkeiten, von Sekt (dank sei der Minibar im Bus) über Unmengen Muffins, selbstgebrautem Likör Marke "Ela2015" über Dauerwurst und einen Sound’n’Spirit-Gedenkkuchen, und es geht das Gerücht, im hinteren Teil des Busses habe es noch anderes Geistreiches gegeben. Trotz (und mitnichten wegen) dieser gewagten Mischung ging es allen so gut, dass wir stundenlang sangen, bis auf der Zielgeraden hinter Birkenfeld dann „Wir wollen niemals auseinander gehen“ erklang.
Das war unser Wochenende in Weimar. So geschehen im Jahre 2015 des Herrn. Und so Gott will, werden wir noch viele weitere Wochenenden mit Sound’n’Spirit erleben, das nächste vielleicht im „Ländle“ …?
